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Offshore- und Nearshore-Projekte
erfolgreich managen
Bisher war das Thema
Offshoring / Nearshoring in der Notes-Gemeinde nicht sehr weit
verbreitet. Während alle Offshoring-Kennzahlen in anderen
IT-Entwicklungs-Bereichen wie Web- oder Datenbank-Anwendungen weltweit
seit vielen Jahren stark steigende Tendenzen aufweisen, scheut man sich
im Domino-Umfeld nach wie vor, diese Alternative zur Kenntnis zu nehmen.
Dies geschieht jedoch sehr zu unrecht. Mittlerweile haben auch viele
Notes-Anwendungen einen Komplexitätsgrad und ein Aufwandsvolumen
erreicht, welche durchaus den Einsatz von ausgelagerten
Entwicklungs-Teams interessant erscheinen lassen. Doch um aus
potentiellen Kosteneinsparungen auch reale werden zu lassen, bedarf es
weit mehr als ein paar preiswerter Entwickler in Osteuropa oder Indien,
denen man eine Anforderungs-Spezifikation über den Zaun werfen kann.
Wenn Offshore- bzw. Nearshore-Projekte nicht entsprechend vorbereitet
und unter Beachtung klarer Spielregeln durchgeführt werden, enden sie
oft in einem Desaster.
Auf der Basis vieler Nearshoring-Projekte, () lassen sich die
wichtigsten dieser Erfolgsfaktoren beschreiben:
Klare Zuständigkeiten
Wer ein Projekt an einen Offshoring-Partner vergeben möchte, muß mit
diesem gemeinsam die geteilten Kompetenzen und Zuständigkeiten
festlegen. Das klingt in der Theorie recht einfach und ist bei vielen
Projektphasen auch klar abzugrenzen. Ein neuralgischer Punkt ist jedoch
häufig die Implementierungs-Phase am Projektende beim Auftraggeber vor
Ort. Die entwickelte Anwendung wird zu einem Zeitpunkt an den
Auftraggeber “übergeben“, nicht selten in Form einer elektronischen
Lieferung oder eines Downloads. Doch wer ist für die Installation und
v.a. die Konfiguration der Anwendung vor Ort zuständig? Wurde
vertraglich vereinbart, daß der Offshore-Dienstleister auch Support
während der Abnahme-Phase beim Kunden leistet? Die schönste Entwicklung
kann nicht vom Auftraggeber gewürdigt werden, wenn dieser die Anwendung
nicht zum Laufen bekommen kann und bei Fehlermeldungen zunächst mit dem
Dienstleister darüber streiten muß, wer den entstehenden Support-Aufwand
trägt. Hier empfiehlt es sich, eine lokale Präsenz des
Offshore-Dienstleisters für die Implementierung vertraglich zu
vereinbaren und auch ein entsprechendes Support-Kontingent z.B. für die
Abnahme-Prozedur vorzusehen. Klare Zuständigkeiten sind natürlich in
jedem Projekt wünschenswert. Doch während in Onshore-Projekten
ungeklärte Kompetenzen schnell in einem Vier-Augen-Gespräch erörtert
werden können, werden sie in Offshore-Projekten oft erst viel später im
Projektverlauf sichtbar und müssen dann per Mail, Telefon oder Chat
nachträglich und umständlich definiert werden.
Geänderte Prozesse
Mit der klaren Aufteilung der Zuständigkeiten geht auch eine Veränderung
der Prozesse einher, um ein Offshore-Projekt sinnvoll durchführen zu
können. So muß z.B. der Prozeß der Anforderungs- und
Spezifikations-Definition sehr sauber definiert sein. Es ist bei einem
Offshore-Projekt deutlich schwieriger und teurer als bei einem
Onshore-Projekt, nachträgliche Anforderungen in die laufende Entwicklung
einzuwerfen (feature creap) oder Änderungen an der Detail-Spezifikation
vorzunehmen. Während bei einem onshore durchgeführten Projekt alle
Beteiligten häufig nur durch eine Bürowand voneinander getrennt sind und
Informationen daher gerne auf Zuruf ausgetauscht werden oder einige
zentrale Funktionalitäten in einem kurzfristig organisierten Meeting
“mal eben“ über den Haufen geworfen werden, erfordert ein
Offshore-Projekt schon ein deutlich disziplinierteres Vorgehen.
Disziplin ist auch der Begriff der Wahl, wenn es um die Prüfung von
gelieferten Ergebnissen des Entwicklungs-Partners an den Auftraggeber
geht. Es macht wenig Sinn, wenn dieser unstrukturierte Tests durchführt
und meterlange Fehlerprotokolle produziert, da die Offshore-Entwickler
sich nicht einfach zur kurzen Durchsicht neben die Tester setzen können.
Ein Testprozeß kann nur dann vernünftig funktionieren, wenn beiden
Seiten klar ist, auf welcher Grundlage Tests durchgeführt werden (z.B.
Use Cases oder Feinkonzept) und wenn die Ergebnisse so protokolliert
werden, daß ein Offshore-Mitarbeiter eine Chance hat, den Fehler in
seiner Umgebung zu reproduzieren und seine Rückmeldung in transparenter
Form dem Fehler zuzuordnen.
Einhalten von Standards
So klar wir uns alle darüber sein dürften, daß Standards immer wichtig
sind (egal ob Offshore oder Onshore), so häufig werden sie in der Praxis
nicht oder nur unzureichend umgesetzt. Doch diese Schludrigkeit ist in
Offshore-Projekten wesentlich gefährlicher und teurer. Bevor also ein
Offshore-Projekt beginnt, sollte eindeutig festgelegt sein, nach welchen
Standards z.B. die Dokumentation von Anforderungen und die Beschreibung
der Feinspezifikation erfolgt. Professionelle Offshore-Anbieter haben
i.d.R. ihre eignen Standards dafür oder verwenden Standards, die
international anerkannt sind. Allerdings sollte beiden Seiten klar sein,
welche Standards das jeweils sind. Ein weiterer Bereich, in dem ein
Mindestmaß an Standardisierung erforderlich ist, ist das
Projektmanagement. Auch wenn das Offshore-Projekt nicht unbedingt nach
PIM- oder Prince2-Richtlinien durchgeführt werden muß, sollten beide
Seiten darauf achten, daß z.B. der Projektplan regelmäßig aktualisiert
wird, der aktuelle Status regelmäßig kommuniziert wird, auftretende
Probleme sofort mitgeteilt werden (risk management) oder vereinbarte
Kommunikationswege eingehalten werden, um ein völliges Kreuz und Quer zu
vermeiden.
Kommunkation
Womit wir auch schon beim nächsten Aspekt wären. Offshore- bzw.
Nearshore-Projekte definieren sich im Vergleich zu Onshore-Projekten
primär durch die räumliche Distanz. Damit ist es naheliegend, daß
effiziente Kommunikation für den Erfolg unabdingbar ist. Auch in
Offshore-Projekten gilt: Nichts ersetzt die persönliche Kommunikation
und insofern sollten der Projektleiter oder ggf. andere Mitarbeiter des
Offshore-Partners zu wichtigen Terminen vor Ort sein können. Derartige
Gelegenheiten sind z.B. die Anforderungsanalyse, wichtige
Review-Meetings oder Abnahme-Tests. Erfahrungsgemäß finden auch bei
einem Offshore-Projekt ca. 10% der Aufwände beim Auftraggeber vor Ort
statt. Natürlich gibt es auch zahlreiche Projektbeispiele, in denen
darauf gänzlich verzichtet wird, allerdings ist die Failure-Quote bei
solchen Projekten unverhältnismäßig hoch. Darüber hinaus macht es Sinn,
ein Application Sharing Tool wie z.B. Sametime und ein Chat System zu
implementieren, das den schnellen Informationsaustausch beider Seiten
erlaubt und dem Offshore-Partner auch die Möglichkeit bietet, sich auf
die IT-Umgebung des Auftraggebers aufzuschalten. Speziell letztere
Option erspart in der Praxis oft stundenlanges Mailen, Telefonieren und
Aufregen. Ein letzter aber sicherlich zentraler Punkt ist die Sprache.
Besonders vorteilhaft ist, wenn der Offshore-Projektleiter deutsch
spricht. Unabhängig davon sollte jedoch im Zusammenhang mit der
Kompetenz-Matrix festgelegt werden, welche Personen miteinander in
welcher Sprache sprechen. Es hilft nicht viel, wenn zwar der deutsche
Auftraggeber und der Offshore-Projektleiter in fließendem Deutsch oder
Englisch kommunizieren können, die Verständigung auf technischer Ebene –
die auf jeden Fall als ein möglicher Kommunikationsstrang in Betracht
gezogen werden sollte – aber in keiner Sprache möglich ist, die von
beiden Seiten ausreichend beherrscht wird. |